Ein (nicht besonders) origineller HeiratsAntrag

Wie entsteht ein Heiratsantrag? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht – auch nicht, nachdem ich selbst gerade einen gemacht habe. Es war wirklich nicht geplant. Die Idee kam ganz ohne Vorwarnung, wie ein Gedanke, der sich in den Kopf schleicht, ohne dass man es merkt. Vielleicht hatte es aber doch etwas mit einer Klassenkameradin zu tun, die ich letzten Frühling in einem Deutschkurs kennengelernt habe. Sie war eine kolumbianische Nonne, frisch in Österreich angekommen, und noch nicht vertraut mit den grundlegenden europäischen Umgangsformen. Kaum hatten wir uns kennengelernt, stellte sie mir sehr direkte Fragen: „Wie alt bist du? Bist du in einer Beziehung?“ Und dann, ohne Umschweife: „Ihr seid ja nicht mehr ganz jung… warum habt ihr noch nicht geheiratet?“

Zuerst musste ich innerlich schmunzeln, aber ich muss zugeben: Genau ab diesem Moment, vor ein paar Monaten, begann etwas in mir Gestalt anzunehmen.

Zufällig habe ich im Juli unzählige Stunden damit verbracht, auf Webseiten von Luxusschmuckgeschäften nach einem Ring zu suchen, der Virgi gefallen könnte. Es wäre schön gewesen, den Antrag genau am 17. September zu machen, an unserem Jahrestag. Die Ringe gefielen mir allerdings alle nicht besonders – sie kamen mir irgendwie alle etwas nichtssagend vor, ich konnte mich nicht entscheiden. Zugegeben, ich habe auch keine Ahnung davon. Die einzigen „Schmuckstücke“, die ich ihr in den letzten sechs Jahren schenken konnte, waren ausgeschnittene Flötenstücke zum Um-den-Finger-Stecken – Ergebnisse meiner Laborexperimente.

Schließlich stieß ich auf Evas Website und schrieb ihr eine E-Mail. Ich war zu der Zeit in San Antonio, Texas – meine erste Erfahrung in den USA. Ich nahm an einer der wichtigsten amerikanischen Flöten-Conventions teil, aber ich glaube, ich verbrachte die ganze Zeit damit, Ideen für Virgís Ring zu sammeln. Eva wollte mich sofort per Videoanruf sprechen (ein Treffen persönlich wäre wohl schwierig gewesen…), um mehr über mich, über uns, zu erfahren – um etwas zu schaffen, das genau diese Eigenschaft hatte, die mir am wichtigsten war: dass es ein einzigartiges, persönliches Stück sein würde.

Wir haben gemeinsam überlegt, Ideen gesammelt, Skizzen entworfen und wochenlang überarbeitet – und schließlich hat Eva ein kleines Meisterwerk geschmiedet. Der Ring ist vom Symbol des Tao inspiriert, bei dem sich die beiden Elemente (hier: Weiß- und Roségoldbänder) gegenseitig umkreisen. Er vermittelt Bewegung und eine spontane Beziehung zwischen den Elementen – vor allem, weil Eva es meisterhaft geschafft hat (hier liegt die originelle Idee, auf die ich ein bisschen stolz bin), einen Hauch Roségold ins weiße Band und umgekehrt einzuschmelzen. Beide rotieren um einen kleinen Lichtpunkt – einen echten, ethisch gewonnenen Diamanten. Et voilà!

Also hatte ich den Ring – oder zumindest war er in Arbeit. Es war Zeit, etwas Besonderes für den Anlass zu organisieren, und ich brauchte Informationen: „Hey Virgi, magst du Schatzsuchen?“, „Hey Virgi, wenn du jedes Jahr, das wir zusammen waren, mit einem einzigen Wort beschreiben müsstest – welches würdest du wählen?“, „Hey Virgi, was sind eigentlich deine sechs Lieblingsfarben?“ Unglaublicherweise hat Virgi den Braten nicht gerochen… Ich habe sechs Rätsel in Reimform (Elfsilbler!) geschrieben, die meine ahnungslose, zukünftige Verlobte quer durch die Stadt geschickt haben – auf der Suche nach neuen Hinweisen und Schätzen, die ihr schließlich ermöglichen würden, ein geheimnisvolles, nicht näher beschriebenes Jubiläumsgeschenk zu ergattern. Sechs ebenso ahnungslose Freundinnen und Freunde wurden in das Spiel verwickelt. Aus organisatorischen Gründen waren wir etwas im Verzug: Es war der 23. November. Den letzten Akt inszenierten wir in einem hübschen kleinen Restaurant, dessen Besitzer – Daniele von den emilianischen Hügeln, natürlich ebenfalls Komplize, aber ohne genaue Kenntnis meiner wahren Absichten – uns freundlicherweise nach der offiziellen Schließzeit bleiben ließ. Als wir schließlich allein waren, löste Virgi das letzte Rätsel – und als Preis bekam sie ihren schönen Ring.

Innerhalb von Sekunden sah ich, wie alle Gesichter um uns herum blass wurden – natürlich auch das von Virgi. Ihre erste Reaktion war, mich für verrückt zu erklären – mich, der da arm und kniend vor ihr saß… Zwischen denen, die plötzlich hemmungslos zu weinen begannen, und anderen, die uns mit ungläubigem Applaus und Jubel überschütteten, konnte ich endlich wieder atmen.

Kurz gesagt: Es war ein voller Erfolg. Niemand hatte damit gerechnet, und die Überraschung war geglückt. Am Tag danach begannen wir, diese kleine Hochzeit zu planen.

Und hier ist Virgi, wie sie uns ganz gemütlich vom heimischen Sofa aus erzählt, wie sich alles zugetragen hat…